Immersives Theater mit Jugendlichen

Ein Fragenkatalog zur Formatentwicklung


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Bei dem Wort „Theater“ denken wohl noch immer die meisten Menschen an Schauspieler*innen, die Texte rezitieren, an abgedunkelte Zuschauer*innenräume und vielleicht sogar an rote Samtvorhänge, die eine Trennung zwischen Bühne und Auditorium markieren. Aber angenommen, es gäbe keine Schauspieler*innen? Angenommen, es gäbe keine Bühne und keinen Zuschauer*innenraum bzw. diese beiden Sphären würden miteinander verschmelzen? Ist das noch Theater?

Dieser Text richtet sich insbesondere an Pädagog*innen und Menschen, die im soziokulturellen Kontext tätig sind und mit alternativen Formen von Theater arbeiten wollen. Wenn

du dich für Theater interessierst, das...

… Zuschauer*innen selbst aktiv werden lässt

… Spielstrukturen beinhaltet (Stichwort: Gamification)

… und nicht mehr auf einer klassischen Bühne stattfindet…

dann lohnt es sich weiterzulesen.

Die Form von Theater, mit der sich das Büro für Eskapismus beschäftigt, und um die es in diesem Text gehen soll lässt, sich sehr grob in das bisher nur sehr vage definierte Sub-Genre des „immersiven Theaters“ einsortieren. Hier soll aber nicht der Versuch unternommen werden, dieses Genre zu definieren. Stattdessen ist dies ein Leitfaden und hoffentlich eine Inspirationsquelle für die eigene Arbeit, zum Beispiel mit einer Schulklasse oder einer Jugendgruppe.

Wir haben einen Fragenkatalog zusammengestellt, der euch dabei helfen kann, gemeinsam künstlerische Entscheidungen zu treffen und ein eigenes Theaterformat zu entwickeln. Die Fragen können in Kleingruppen diskutiert werden oder auch von einer ganzen Schulkasse demokratisch entschieden werden: Dazu eignet es sich, jede Frage als eine Ja/Nein Frage vorzuformulieren und die Schüler*innen aufzufordern, sich je nach Meinung z.B. zu den entgegengesetzten Ecken des Klassenraums zu bewegen. In Zeiten von Corona können demokratische Entscheidungsprozesse natürlich auch über Plattformen wie Zoom (per „Hand heben“) oder diverse frei verfügbare Umfrage-Tools ablaufen. Die Parameter in diesem Fragenkatalog sind natürlich nur eine erste Inspiration und können nach Belieben erweitert oder Verworfen werden.


Ort:

  • Drinnen oder draußen?

  • Ist die Inszenierung fest an einem Ort oder ist sie mobil?

  • Über welche Fläche erstreckt sich die Inszenierung (ein Zimmer? Eine Stadt?)

  • Ist der Ort der Fiktion deckungsgleich mit dem realen (tatsächlichen) Ort?

Rolle der Besucher*innen: (Die Bezeichnung „Besucher*innen erscheint sinnvoller als das Wort „Zuschauer*in“):

  • Wer sind die Besucher*innen in der Fiktion?: Bleiben sie sie selbst und erfüllen zudem dieselbe soziale Rolle wie außerhalb der Fiktion (z.B. Schüler*in) / Bleiben sie sie selbst aber haben eine konkrete Aufgabe und somit eine andere (soziale) Rolle / nehmen eine neue Identität an (z.B. markiert durch einen anderen Namen)

  • Haben alle Besucher*innen dieselbe Rolle oder gibt es unterschiedliche Zuständigkeiten?

Mission der Besucher*innen:

  • Erhalten die Besucher*innen eine konkrete Aufgabe oder nicht?

  • Falls ja: Welche Aufgabe ist das?

  • Wie erfahren sie von dieser Aufgabe mitgeteilt?

  • Ist die zunächst gestellte Aufgabe die tatsächliche Aufgabe?

  • Kann es passieren, dass sie „scheitern“?

  • Gibt es ein „richtig“ und ein „falsch“ oder gibt es mehre mögliche Ausgänge?

  • Gibt es Rätsel, die gelöst werden müssen?

User-Guiding:

  • Wie viele Besucher*innen erleben die Inszenierung gleichzeitig (multiplayer oder single player)?

  • Bleiben die Besucher*innen immer als Gruppe zusammen oder bewegen sich Einzelpersonen frei?

  • „Spielen“ (falls sie das tun!) die einzelnen Besucher*innen miteinander oder gegeneinander (kooperativ oder kompetitiv)?

Schauspiel:

  • Gibt es Schauspieler*innen?

  • Falls ja:

  • Interagieren die Schauspieler*innen mit den Besucher*innen oder ignorieren sie diese?

  • Falls ja: Sind sie körperlich anwesend? / medial vermittelt (z.B. per Telefon, Skype, SMS...)

Set-Up & Kommunikation:

  • Wie erhalten die Besucher*innen die grundlegenden Informationen (z.B. Wo sie sich befinden, wer sie sind, was ihre Aufgabe ist)

  • Wann erhalten die Besucher*innen diese Informationen?: Vorab oder während der Inszenierung?

  • Wie findet (textliche) Kommunikation statt? Live / per Sms bzw. Whatsapp / per Anruf / per Video-Chat / nur durch Requisiten (z.B.) Briefe im „Bühnenbild“

Zeit:

  • Wann beginnt die Inszenierung? (z.B. bereits „vorab“ per Email? Oder erst „vor Ort“?)

  • Gibt es eine zeitliche Begrenzung / Zeitdruck?

  • Woher wissen die Besucher*innen, dass die Inszenierung vorbei ist und sie gehen müssen?

Storyline:

  • Gibt es eine klare, kausale Reihenfolge von Plot-Points, die nacheinander von allen Besucher*innen ähnlich durchlaufen werden? („unilineare Dramaturgie“)?

  • Falls ja: Wie wird sichergestellt, dass diese Reihenfolge tatsächlich so stattfindet (z.B. einzelne Plot-Points sind räumlich voneinander getrennt wie bei einer Schnitzeljagd und die eine Station fungiert als Wegweiser zur zweiten Station, z.B. indem bestimmte Plot-Points abgeschlossen sind.)

  • Können Plot Points in beliebiger Reihenfolge durchlaufen werden?

  • Können Besucher*innen Entscheidungen treffen, die alternative Enden auslösen? („branching storyline“)?

  • Können alle Plot-Points bzw. Szenen von einer Person erlebt werden oder schließen sie sich gegenseitig aus (z.B. weil sie zeitlich parallel stattfinden und räumlich getrennt: multi-lineare storyline) (exklusiv vs. additiv)

Gerne kannst du bei Fragen Kontakt aufnehmen. Oder vielleicht hast du sowieso schon alle Hände voll zu tun und möchtest stattdessen lieber das Büro für Eskapismus für einen Workshop buchen. Wir bieten individuelle Workshops für unterschiedliche Zielgruppen an – von ein paar Stunden bis zu einem halben Jahr! Schreib uns einfach an buero@buero-fuer-eskapismus.

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